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G. Kandy

Auch der letzte Versuch reservierte Sitzplätze zu bekommen scheiterte: morgens um 6.30 Uhr fuhr Matze zum Bahnhof, um nach stornierten Reservierungen zu fragen. Wir waren dennoch positiv gestimmt, da wir uns bewusst entschlossen hatten, entgegen dem Touristenstrom zu reisen. Geplante Abfahrt sollte 9.40 Uhr sein, um 8.30 Uhr fanden wir uns am Bahnhof in Ella ein. Der Bahnsteig füllte sich und die Zuversicht schrumpfte. Als der Zug zu hören war, machten sich einige junge Einheimische auf den Weg dem Zug entgegen und sprangen schon während der Fahrt auf. Erst im Nachhinein begriffen wir, dass sie sich dadurch die letzten guten Plätze an der Türe sicherten. Sitzplätze waren schon vorher keine mehr zu haben. Als der Zug hielt, dachten wir zunächst, dass wir nicht einmal einsteigen können würden. Da wir an einem falschen Waggon standen, kamen wir als letzte an die Türe zum Waggon der zweiten Klasse und trafen dort auf vier junge Singalesen, die uns fröhlich hereinwinkten und uns sogar beim Verstauen der Rucksäcke auf der Gepäckablage halfen. Sie ließen uns bei sich an der Türe stehen und erklärten uns, dass wir diese Plätze auf keinen Fall aufgeben sollten. Die Plätze waren unser großes Glück, denn so hatten wir wenigstens ein klein bisschen Aussicht und frische Luft. Dennoch kamen wir mit den sieben Stunden im Stehen an unsere körperlichen Grenzen. Zwischenzeitlich wurde der Zug noch voller und die Fahrt war mitunter sehr beschwerlich und alles andere als der im Internet beschriebene Genuss.

Toll war, dass unsere Gastmutter in Kandy, Ganga, uns vom Bahnhof abholte und wir so keine Preisverhandlungen mit der Tuk Tuk-Mafia zu führen hatten. Ganga hieß uns so herzlich willkommen, dass die Zugfahrt schnell vergessen war – wir fühlten uns von der ersten Sekunde an wie zu Hause und freuten uns, dass wir für Weihnachten die richtige Unterkunft gewählt hatten. Hierfür hatte Miri lange im Voraus verschiedene Homestays verglichen und die langen Bewertungslisten durchgearbeitet. Diese Mühe hatte sich gelohnt.

Beim Abendessen entschieden wir trotz großer Müdigkeit, am nächsten Tag den Sirigiya-Rock zu besuchen, der zum Weltkulturerbe erklärt worden ist und deswegen eine Pilgerstätte ist. Der Geheimtipp aus dem Internet lautete, den Nachbarfelsen zu besteigen, um den tollen Blick auf den „Lion-Rock“ genießen zu können. Wie bei allen „Geheimtipps“ im Internet hatten nicht nur wir davon gelesen und die Ferien der Einheimischen taten ihr Übriges dazu, dass auch Pidurangala-Rock recht gut besucht war. Trotzdem eröffnete sich uns nach einiger Wartezeit an einem Nadelöhr ein traumhafter Rundumblick auf und um den Sirigiya-Felsen. Der Nachbarfelsen kostet aktuell noch 5 Euro anstatt 50 € für zwei Personen auf dem Hauptfelsen. Wir konnten aus der Ferne sehen, wie die Leute am Sirigiya auf der Treppe nach oben Schlange stehen mussten und waren froh, dort nicht mitten drin zu stehen. Sicher ist auch der Hauptfelsen beeindruckend, aber die Touristenmassen waren für uns Grund genug, dort nicht hochzusteigen.

Für uns war es ein beeindruckender Ausblick und wir waren glücklich diesen tollen Ausflug an Heilig Abend machen zu können. Für den Heiligen Abend stand noch ein schönes Abendessen an und wir wollten nachts in die Christmette in einer katholischen Kirche in Kandy gehen. So machten wir uns bald wieder mit dem Bus auf den Heimweg und nahmen leckeren Fried Rice mit nach Hause und zwei Stück Kuchen. Wir hatten in der Stadt mehrere Bäckereien gefunden und eine Bäckerei bot „Black Forest“-Kuchen an, worüber wir schmunzelten und zugriffen.

Im Homestay angekommen freute sich Ganga über unsere Rückkehr und wir tranken gemeinsam Kaffee und Tee und erfrischten uns. Unser Zimmer befand sich im Untergeschoss des Hauses und wir hatten nebenan einen kleinen Gemeinschaftsraum, in dem wir unser Abendessen herrichteten. Für uns war es der erste Heilige Abend, den wir gemeinsam feiern konnten. Durch die gut 6 Stunden lange Busfahrt und den Aufstieg auf den Pidurangala waren wir sehr müde und es kostete uns einige Überwindung um 11 Uhr nachts zur Christmette aufzubrechen. Als wir aber dann einen Sitzplatz gefunden hatten und ein toller Chor uns eine halbe Stunde auf den Weihnachtsgottesdienst einstimmte, waren wir sehr froh, dass wir uns aufgerafft hatten. Durch den tollen Gottesdienst kamen wir so richtig in Weihnachtsstimmung und sangen zum Abschluss lauthals Silent Night auf Englisch. Der Ablauf des katholischen Gottesdienstes war genauso wie zu Hause und auch dadurch kam tolles heimatliches Weihnachtsgefühl in uns auf. Trotzdem mussten wir natürlich an diesem Abend besonders an unsere Lieben zu Hause denken. Das erste Mal Weihnachten in einem fremdem Land war aber faszinierend und schön genug, so dass wir nicht lange traurig sein konnten.

Da uns der Gottesdienst so gut gefallen hatte, beschlossen wir am nächsten Morgen um 11 Uhr nochmals in die Kirche zu gehen. Wir genießen die Gottesdienste auf unserer Reise, da wir die Rituale und die gewohnten Abläufe in der Kirche toll finden und man so überall sehr schnell ein Stückchen Heimat und Verbundenheit spüren kann. Nach dem Gottesdienst machten wir bei 30°C einen Stadtbummel, was sich irgendwie verrückt anfühlte. Das Foto vor der Kirche mit Miri im Sommer-Kleid gefällt uns besonders gut. Nach einer kurzen Verschnaufpause bei Ganga bestiegen wir noch den Hausberg (Hantana Peak), von wo aus wir einen tollen Überblick über Kandy und Umgebung hatten. Das Wandern an den Weihnachtsfeiertagen hat uns sehr gefallen und wir können uns vorstellen, das zukünftig auch in Deutschland zu ritualisieren.

Abends gab es bei Ganga ein Weihnachts-Curry. Wir aßen gemeinsam mit einer vierköpfigen, indischen Familie, die für 15 Jahre in den USA gelebt hatte und uns sprachlich und inhaltlich ganz schön forderte. Die Jungs waren sehr wohl erzogen und wir waren beeindruckt von den Umgangsformen und dem Bildungsstand der Familie. Wir schlugen uns wacker und diskutierten über artgerechte Tierhaltung bzw. –beobachtung, verschiedene Religionen, Schulsysteme und Technologie. Für Miri vor 5 Monaten noch unvorstellbar, diesem Gespräch zu folgen. Inzwischen beteiligt sie sich aber rege. Die Familie machte uns am nächsten Morgen ein tolles Kompliment zu unseren Englischkenntnissen, worüber wir sehr stolz waren. Der zweite Weihnachtsfeiertag wurde nach diesem Frühstück für uns zum Reisetag und es stand uns eine 24-stündige Anreise nach Kambodscha bevor. Auf dieser befinden wir uns aktuell: Wir sitzen in einem Taxi, für das wir mehr als hart verhandeln mussten und haben ein russisches Pärchen getroffen, mit dem wir für uns letztendlich den Preis halbieren konnten.

Über die letzte Zugfahrt in Sri Lanka wollen wir nicht viel schreiben. Es kam noch schlimmer als bei der vorherigen. Aber seht selbst.

Wir sind fast am Ziel in Kampot und freuen uns aufs Hotel und eine Dusche. Die nächsten Tage lassen wir dann wieder von uns hören.

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4 Kommentare zu „G. Kandy Hinterlasse einen Kommentar

  1. Die Zugfahrten waren ja wirklich krass! Aber toll, dass ihr trotzdem so viel in die Natur konntet…da vergisst man schnell wie verrückt die Welt manchmal ist. Ihr habt uns allen sehr an Weihnachten gefehlt und ich freue mich schon sehr darauf mit euch nächstes Jahr in der Kirche mitzusingen. Passt auf euch auf ❤

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  2. Liebe Miri, lieber Matze, wie wunderschön, dass Ihr uns so an Eurer Weltreise teilhaben lässt! Es ist immer wieder eine Freude, in Euer Tagebuch hineinzuspickeln. Auch die Fotos und Videos sind toll, um einen tieferen Einblick in Eure adventure-world zu bekommen (z.B. die extreme Dampfzug-Fahrt). Herzlichen Dank dafür. Gedanklich sind wir bei Euch in Kambodscha, einem Land mit sehr schmerzhafter und unruhiger Vergangenheit in den letzten Jahrzehnten. Mal sehen, was Ihr davon noch zu spüren bekommt. Auf jeden Fall wünschen wir Euch einen guten Jahreswechsel und einen – natürlich nur im allerbesten Sinne – überraschenden, traumhaften Beginn des Jahres 2019 in der Ferne, in einem unbekannten Land. Beim Knallen der Silvester-Neujahrs-Raketen denken wir an Euch!!

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